Zoran Poznič
Präsident des Verbandes der Vereine slowenischer bildender Künstler
Das Fenster ist eines der ältesten Motive der Kunstgeschichte. Über Jahrhunderte stand es für eine Öffnung zur Welt, eine Metapher des Sehens und das Versprechen, Wirklichkeit verstehen zu können. Alberti begriff das Bild als offenes Fenster, durch das sich die Welt betrachten lässt. Heute jedoch scheint sich die Fragestellung verschoben zu haben. Wir fragen nicht mehr nur, was wir betrachten. Wir fragen, wer unseren Blick lenkt – und warum.
Wir leben in einer Zeit, in der uns zahllose Fenster umgeben. Die Bildschirme von Telefonen und Computern, Überwachungskameras, soziale Netzwerke und Algorithmen sind zur neuen Architektur des Alltags geworden. Nie zuvor hatten wir so viele Möglichkeiten zu sehen. Nie zuvor wurden wir selbst in einem solchen Ausmaß beobachtet. Nie zuvor wurde unsere Aufmerksamkeit von so vielen äußeren Kräften bestimmt.
In einer Welt, in der Bilder schneller zirkulieren, als wir sie begreifen können, wird der Blick zur Ware. Aufmerksamkeit ist zur Währung geworden. Intimität zum Inhalt. Privatheit zur Verhandlungssache. Bereitwillig legen wir unser Leben offen und sind uns zugleich immer weniger bewusst, wer die Rahmen festlegt, durch die wir andere und uns selbst betrachten.
In der zeitgenössischen Kunst überschreitet das Motiv des Fensters daher seine materielle Erscheinungsform. Es ist nicht länger nur ein Symbol für Offenheit und Verbindung. Es kann ebenso zum Instrument der Überwachung, der Ausgrenzung und der Manipulation werden. Es bezeichnet die Grenze zwischen Innen und Außen, Nähe und Entfremdung, Freiheit und Exponiertheit. Die Frage lautet nicht mehr, ob wir sehen, sondern wie wir sehen – und was wir zu übersehen bereit sind.
Die Ausstellung Das Fenster – ein Motiv in der zeitgenössischen Kunst eröffnet einen Raum für die Auseinandersetzung mit diesen Widersprüchen. Die Kunstwerke untersuchen den Blick als Form von Beziehung, Macht und Verantwortung. Sie handeln von Anwesenheit und Abwesenheit, von der fragmentierten Erfahrung des Raumes, von der Sehnsucht nach Nähe und der Angst vor Enthüllung. Vor allem aber erinnern sie uns daran, dass der Blick niemals neutral ist. Er offenbart stets etwas über die Welt. Und stets auch etwas über uns selbst.
Vielleicht besteht eine der größten Illusionen unserer Gegenwart in der Annahme, mehr Bilder bedeuteten zugleich mehr Verständnis. Doch die Menge an Informationen ist noch keine Tiefe der Erkenntnis. Im Gegenteil: In der Bilderflut wird es immer schwieriger, das Wesentliche vom Belanglosen, Wirklichkeit von Konstruktion und Empathie von Voyeurismus zu unterscheiden.
Gerade deshalb bleibt die Kunst unverzichtbar. Nicht weil sie Antworten bereithielte, sondern weil sie den Blick verlangsamt. Weil sie uns zwingt, innezuhalten. Im Unbehagen der Fragen auszuharren. Die vermeintliche Selbstverständlichkeit der Bilder, die uns umgeben, in Zweifel zu ziehen.
Auch in diesem Jahr schafft das Internationale Festival der bildenden Künste Kranj einen Begegnungsraum für unterschiedliche künstlerische Poetiken, Generationen und schöpferische Ansätze. In einer Zeit, die von schnellen Reaktionen und vereinfachenden Deutungen geprägt ist, öffnet die Ausstellung einen Raum für Komplexität. Für Vielschichtigkeit. Für die Möglichkeit, die Welt anders zu sehen.
Wir können ein Fenster öffnen, um andere zu verstehen. Wir können es aber auch dazu nutzen, unsere eigenen Vorstellungen und Vorurteile zu verfestigen. Vielleicht ist gerade deshalb die Frage, die die diesjährige Ausstellung stellt, so gegenwärtig: nicht, was wir betrachten, sondern wer wir durch die Art und Weise werden, wie wir sehen.
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